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So war es bei Gerard

Ein guter Abend mit Poesie ohne Kitsch und einem überraschenden „Panorama“

Dienstagabend, Köln-Ehrenfeld, place to be: unter der Bahnhofsbrücke im Club Yuca. Wenn der österreichische Sympath Gerard in die „schönste Stadt Deutschlands“ kommt (wahre Worte von eben diesem), lässt sich das kölsche Publikum nicht lange bitten. Selbst die girls&boys weit entfernter Städte wie Gießen scheuen weder Kosten, Mühen noch Sprit, um genau den Herren zu sehen, der sich längst mit Zeilen wie „Wer nicht will, findet Gründe, wer will, findet Wege“ oder „Ich geb‘ alles, was ich hab‘, nehm‘ mir dafür alles, was ich will“ große Aufmerksamkeit weit über die österreichische Grenzen hinaus verschaffen hat. Und das berechtigterweise!

Gerard lässt sich in keine Schublade stecken: er zeichnet authentische Momentaufnahmen von Situationen, die das Leben heißen und die wir alle irgendwie, irgendwo, irgendwann doch schon mal erlebt haben. Großartige Poesie ohne Kitsch, philosophische Ansätze ohne erzwungenem pseudointellektuellen Habitus, viel mehr Lyrics, die ins Ohr gehen und im Herz, Kopf und Bauch landen – keine Klassifizierung, kein bestimmtes Genre: einfach Gerard-Musik.

Den Abend eröffnen zwei blonde Jünger, die sich zwischen Volksmusik, Schlager, Pop und New Wave Chanson bewegen. Als „Schönbrunner Gloriettenstürmer“ und unter Gerards neuem Label „Futuresfuture“ liefern sie eine Performance ab, bei der einem regelrecht das Fragezeichen ins Gesicht geschrieben steht. In schwarzen Vans, Skinnyhose und beigefarbener Hilfiger-Cap singen sie klischeehaft über Liebe, love und amore, schön unterlegt mit Kirmeslauten und übertriebenen Soundeffekten. Was sie da tun, das polarisiert – doch eins ist klar: die Jungs nehmen sich selbst nicht zu voll und spielen gekonnt mit Bildern und schwülstigen Aussagen, die einer Helene Fischer oder Andrea Berg schließlich auch eine treue und kauflustige Hörerschaft bescheren. Also, warum nicht mal probieren?!

Ein paar Lieder der Alpen-Romantiker und während auf der Bühne der Umbau geschieht, sind im Hintergrund „The Streets“ zu hören. Zufall? Wohl kaum, denn den gibt es laut Gerard nicht. Eher ein akustischer Wink mit dem Zaunpfahl: wer ihn kennt, der weiß, dass Mike Skinner eine große Inspirationsquelle für seine Kunst darstellt.

Und dann ist er endlich da – der Gute steht auf der Bühne und beginnt das Konzert mit dem Song „Azurblau“, welches den Auftakt für sein Musikprojekt 2018 darstellt. Es folgt ein bunter Mix aus seinen bisherigen Alben: „Umso leerer der Laden“ reiht sich neben Tracks wie „Verschwommen“, einem „Konichiwa“ oder Gerards Favoriten aus dem aktuellen Album „Moonbootica Mond“, das an Moonbooticas „Der Mond“ und Julis „Bye bye, Junimond“ angelehnt ist. Der Rapper springt, tanzt und hat spürbar Freude an dem, was er da tut.
Als „Panorama“ ertönt, betritt der einst von Gerard höchstpersönlich betitelte „schönste Sohn der Stadt“ die Bühne: die Rede ist vom Wahlkölner Jonas der Band OK Kid. Gemeinsam geben beide Musiker auch den Song „Atme die Stadt“ zum Besten, bei dem das Publikum hörbar unterstützt.

„Irgendwas mit rot“, „Gelb“ oder „Gold“ – Farbsymbolik ist in Gerards Musik unerlässlich. So spielt sie auch diesen Abend eine markante Rolle: intensive Grün-, Blau-, Rot- und Pink-Töne tauchen die Location vom Konzertanfang bis zum letzten verhallenden Ton in ein buntes Farbspiel.

„Schöne Nächte enden gut, die schönsten enden nie“ – und doch neigt sich dieser Abend irgendwann dem Ende zu. Gerard geht strahlend ab, aber nicht ohne den Übersong „Lissabon“ in der Zugabe zu spielen. Zum Glück, denn ein Gerard-Konzert ohne diesen Track wäre wie Geburtstag ohne Torte oder Weihnachten ohne Familie oder Sex ohne Liebe. Zwar möglich, aber einfach nicht so schön 🙂

Fotos: Fabian Stürtz fabian-stuertz.com