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Interview mit Gerard

Über Matthias Schweighöfers Enttäuschung, Chaos im Kopf und Schokokuchenliebe –
Ein Interview mit Gerard

 

Gerard, Du hast mal gesagt, dass „Verschwommen“ einer Deiner Lieblingssongs von „Blausicht“ ist. Welcher Track von „AAA“ ist denn Deine persönliche Nummer 1?
Ich stehe zwar völlig alleine mit der Meinung da, aber es ist „Moonbootica Mond“. Das ist mein Lieblingssong, den die meisten Leute leider nicht so verstehen … naja, das kommt vor. Bei „Neue Welt“ war „Umso leerer der Laden“ damals mein Favorit, aber keiner hat den Song richtig wahrgenommen, als er rauskam. Witzigerweise ist er jetzt der beliebteste Streamingsong, zweieinhalb Jahre später. Das ist das Schöne am Streaming: Es ist überhaupt nicht mehr wichtig, wie ein Song oder Album im Moment ankommt, denn es kann auch sein, dass das Lied erst Jahre später entdeckt wird. Lieder sind für die Ewigkeit und dafür macht man doch Musik – bestenfalls.

Wie sagt man so schön: Da steckt man einfach nicht drin! Denn oft ist es doch so, dass wir subjektiv etwas echt gut finden und dann doch mit dieser Meinung ganz alleine dastehen, oder?
Ja, das kenne ich auch. Ein Song, den ich gar nicht aufs neue Album machen wollte, der ist tatsächlich jetzt der Favorit der meisten Leute.

Welcher ist es?
Es ist „Eins zu Eins“ – den habe ich dann am Ende nicht mehr so gefeiert. Aber wie Du richtig meintest: Man kann es nicht sagen. Manchmal denkt man sich, dass das der geilste Song ever ist und dann interessiert er einfach keinen.

Kommen wir zum Thema Unterstützung. In „Fliege davon“ skizzierst Du ein Gespräch mit einem alten Freund, der die Heimat nie verlassen hat, der bei all Deinen Plänen die Augen verdreht und sagt: „Du überschätzt Dein Können“. Du aber wolltest immer raus und Dich verändern, nie mehr erklären, warum Dir die Heimat zu klein ist.
Gab es auch schon zu Anfang Freunde, die Dich supporteten? Was sagte die Familie und vor allem die Mama?
Puh, schwierig. Ich habe erst studiert und die Uni fertig gemacht. Bis dahin war es meiner Familie irgendwie egal, weil ich schließlich meinen Soll mit dem Studium erfüllte. Als ich dann sagte, dass ich jetzt Musik machen will, waren sie schon etwas skeptisch. Ich glaube, der Deal war damals, dass ich es ein Jahr lang probiere und dann eh mal gucke, was ich mache. Zum Glück hat es mit „Blausicht“ gut funktioniert, meine Familie kam auf Konzerte und hat mitbekommen, dass es läuft. Jetzt unterstützen sie mich voll und ganz und sind stolz, wenn plötzlich die Eltern von anderen Kindern, die jünger sind, Fans werden (lacht). Sie verstehen das alles halt nur nicht immer.
Bei meinen Freunden ist es so, dass der Kreis aus vielen Kreativen und Leuten besteht, die eben nicht den 0815-Weg gehen. Von daher ist es nicht der Rede wert. Und bei den Anderen war es dann auch kein Thema mehr, als es geklappt hat. Ich glaube nicht, dass sie es irgendwann böse meinten, aber sie konnten sich einfach nichts Richtiges darunter vorstellen. Viele Menschen denken, dass man ein Superstar sein muss, um von Musik zu leben – aber es geht tatsächlich auch ohne diesen „Titel“ und in einem anderen Rahmen (grinst).

Hast Du jemals darüber nachgedacht, den „normalen“ Weg zu gehen und als praktizierender Jurist zu leben?
Nein, eigentlich nie. Aber es war schon stressig, denn als ich fertig war, wollte ich noch einen Master anhängen, damit ich irgendwie alibimässig noch etwas Ordentliches mache (lacht), doch der war dann so teuer, dass ich es gelassen habe. Ich habe nach einem geringfügigen Job gesucht, aber alles, was mich ans Ziel geführt hätte, also in die Musikbranche, dafür war ich nicht qualifiziert, weil ich ja ein ganz anderes Studium absolviert hatte und natürlich die Anforderungen nicht erfüllte. Irgendwann habe ich schon weiche Knie bekommen, weil ich gemerkt habe, dass es so keinen Zwischenweg gibt, wo ich beides kombinieren kann: Entweder ich muss das also machen, weil ich es studiert habe, oder es klappt mit der Musik. Und dann hatte ich ein halbes Jahr wirklich schlaflose Nächte. Jetzt ist auf jeden Fall alles gut und auch wenn ich mal selbst keine Lust mehr auf Musik machen habe, dann kann ich mich um mein eigenes Label kümmern. Ich habe mir die Anforderungen durch die Jahre quasi selbst erarbeitet – jetzt ist es echt relaxt!

Noch eine Frage zu Deinem Jura-Studium und erlaube mir mal etwas klischeehaft zu sein: Ein Jurastudent ohne umgebundenen Pulli und Bootsschuhe ist wie Kölscher Karneval ohne Alkohol – also einfach undenkbar. So zumindest in Deutschland. Du bist vom Typ her aber alles andere als Poloträger und -spieler. Gibt es dieses klassische Bild eines juristischen Studenten auch bei Euch in Österreich und hast Du Dich schon während Deiner Unizeit  optisch vom Rest abgehoben?
Ich hatte da auch Ralph Lauren an (lacht laut). NEE, natürlich nicht! Ich war da immer raus, definitiv. Habe immer in der Hauptbibliothek gelernt, also da, wo alle Studiengänge sind, und ich glaube, ich hatte genau einen juristischen Freund in meinem Freundeskreis damals. Sonst hing ich eher mit all den Leuten der anderen Fakultäten ab.

In „Eins zu Eins“, also dem Song, den Du eigentlich nicht aufs Album packen wolltest, lautet eine Line: „Von damals bis heute würde ich nichts anders machen“. Ein starkes Statement, wie ich finde, aber lass uns mal ein wenig spinnen … angenommen, man könnte die Zeit zurückdrehen: Gibt es irgendwas, was Du irgendwann doch gerne anders gemacht hättest?
Nein, wirklich nicht! Alles, was damals schief ging, führte hierhin, wo ich jetzt stehe. Und ja, das klingt abgedroschen, aber es ist wirklich so. Es gibt sicherlich den einen oder anderen Vertrag, den ich unterschrieben habe und den ich im Nachhinein nicht mehr unterschreiben würde, aber auch das hat dazu geführt, dass ich jetzt mein eigenes Label gegründet habe, meinen eigenen Verlag und mein eigenes Management mache. Daher würde ich echt nichts ändern, denn alles, was je schief ging, hat im Nachhinein gesehen doch was Gutes! Das denk ich mir eigentlich immer!
Ich habe auf „Blausicht“ auch die Zeile: „Der schlechteste Kompromiss ist manchmal die beste Lösung“, denn manchmal rafft man erst Jahre später, dass erst dadurch, dass was schief gegangen ist, die Gegenwart nun gut ist. Wenn ich mir aber einen Tipp geben könnte, dann wäre das, mehr Mut zu haben. Doch wer weiß: Vielleicht wäre dann „Blausicht“ nicht entstanden, denn in der Zeit habe ich an vielem gezweifelt. Ich war lange Zeit ein wirklich unsicherer Mensch und das muss nicht sein, denn wozu?

Du hast Recht! Sorgen über künftige Geschehnisse sind einfach Kokolores, weil wir doch niemals wissen, ob die Zukunft überhaupt so eintreten wird, wie wir sie uns sorgenvoll ausmalen.
Ja, das stimmt. Darüber habe ich lustigerweise auch erst letztens nachgedacht, weil es bescheuert ist, sich Sorgen über etwas zu machen, was IRGENDWANN mal passieren KÖNNTE. Sorgen sollten erst dann aufkommen, wenn das Problem eintritt.
Aber gut, dass Du mich wieder daran erinnert hast! Danke!

Sehr gerne doch! Wenn wir noch kurz über zukünftige Pläne und Aussichten sprechen: Mit „Azurblau“ gibt es den ersten Vorboten für ein neues Album im Jahr 2018. Magst Du ein, zwei Sätze zum nächsten Projekt sagen?
Naja, ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob es wirklich ein Album in dem Sinne wird. Ich weiß auch nicht, ob ich jemals nochmal CDs machen werde, ob Vinyls oder irgendwas Physisches. Vielleicht habe ich Album in meinem Facebookpost auch falsch betitelt, aber ich habe vor, dieses Jahr in regelmäßigen Abständen neue Songs zu veröffentlichen. Ob es dann am Schluss zu einem Album zusammengefasst wird oder in einer Playlist oder wie auch immer man das nennen will, das wird man sehen. Fest steht aber, dass es an „Blausicht“ anknüpfen wird, weil ich jetzt fünf Jahre später wieder in einer ganz ähnlichen Situation bin. Ja, ich glaube, es wird wieder sehr, sehr gut, also mal schauen (grinst).

The Streets, Bon Iver, Moderat oder auch Sophie Hunger zählen zu den Interpreten, die Dich inspirieren. Aber welche sind Deine drei Herzenskünstler, über die wirklich nichts geht?
Natürlich Mick Skinner von „The Streets“, dann auf jeden Fall Kayne West und der dritte Künstler ist was schwieriger …hm, den Musikproduzenten Rick Ruben würde ich mal gerne treffen.

Cool. Ganz anderes Thema: Wie weit bist Du mit Deinem Roman?
Haha, ehrlich gesagt nicht so weit wie vorgenommen, aber jetzt 2018 nehme ich mir zwei Monate, in denen ich mich voll dahinterklemme, um das Buch zumindest in der Rohfassung fertig zu schreiben.

Das klingt super!
Und wenn es um Ideen und Inspiration geht: Wann hast Du eigentlich DIE Hook im Kopf? Gibt es ein wiederkehrendes Moment, in dem Dir Geistesblitze kommen?
Ja, beim Laufen. Also nicht direkt beim Lauf, aber nach dem Sport bin ich immer sehr inspiriert. Und wenn grad sehr viel Chaos im Kopf herrscht und ich dann von Zuhause wegfahre, dann geht es auch sehr gut. Ich habe letzten Sommer quasi zwei Monate in Berlin gelebt und da lief es einfach. Chaos ist also das wiederkehrende Moment.

Gibt es eine Frage, die man Dir niemals stellen sollte?
Das ist zum Glück schon Jahre her, aber man hat mich mal nach einem Interview hat, ob ich auf deutsch rappe. Da war ich schon baff!
Ansonsten kommen natürlich im Zuge privater Lyrics auch Fragen zum Privatleben, die ich aber ungern zu spezifisch beantworte. Dabei geht es weniger um mich, sondern mehr um den Hörer, dem ich nicht seine eigene Interpretation nehmen will. Ich war letztens im Theater in London und da meinte der Organisator: „Good books are finished by the reader“ – und das kann man auch auf Songs übertragen, finde ich. Ich fürchte immer, ich würde mit meiner ehrlichen Antwort viele Gedanken und Interpretationen zerstören.
Ich kann mich daran erinnern, wie Matthias Schweighöfer, der ein großer„Blausicht“-Fan ist, mich beim ersten Treffen fragte: „Und bei ‚Verschwommen‘: Wie hat Nora da reagiert?“ und er war wie ein kleines Kind (grinst). Ich sagte ihm, dass es Nora in diesem Sinne nicht gäbe, also, sie heiße nicht wirklich Nora, und er so: „Nee, hör auf! Es gibt keine Nora? Warum hast Du Nora gesagt? Wegen Nora Tschirner? Ach wirklich? Komm, sag nicht ja!“ (lacht). Und dann hat man echt gemerkt, wie dieses ganze schöne Bild zerfallen ist. Darum sag ich halt ungern zu viel, um nicht irgendwas zu zerstören.

Verstehe ich!
So, zum Schluss hin habe ich „Entweder-oder-Fragen“ vorbereitet, die Du bestenfalls direkt aus dem Bauch heraus und ohne allzu viele Gedanken beantwortest. Ready?

Sehr cool, ich bin ready!

Also, Vanilleeis oder Schokokuchen?
Schokokuchen

Burger oder Steak?
Burger

Samstag oder Sonntag?
Sonntag

Helsinki oder Kapstadt?
Kapstadt

Der ist gemein: Mama oder Papa?
Mama

Badewanne oder Dusche?
Dusche

Megan Fox oder Scarlett Johannson?
Scarlett Johannson

So, jetzt kommts: Kayne oder Mike Skinner?
Mike Skinner! Wenn Kayne nicht diverse Trump-Statements gebracht hätte, würde ich jetzt Kayne sagen, aber das fällt so echt schwer!

Kafka oder Hemmingway?
Kafka

Fußball oder Basketball?
Beides sehr uninteressant, wenn ich ehrlich bin. Aber dann doch eher Fußball.

Woody Allen oder Quentin Tarantino?
Woody Allen

Tinder oder Kinder?
Kinder

FIFA oder Mario Kart?
FIFA

Zufall oder Schicksal?
Weder noch, wenn ich ehrlich bin. Ich glaube nicht an Zufall, aber auch nicht an Schicksal.

Cool, das war´s! 1000 Dank für Deine Zeit und das Interview, Gerard.
Bis zum nächsten Mal!